Abdankungsfeier Ces Keiser, Grossm�nster Z�rich,
Liebe Margrit, liebe S�hne, liebe Familie, liebe Trauergemeinde, oder warum
nicht einfach, liebe Trauerfamilie, denn wenn ich mich umschaue, habe ich das
Gef�hl, wir alle hier seien eine grosse Familie, und
wir alle haben jemanden aus unserer Familie verloren, einen unserer �lteren,
m�chten wir uns zum Trost sagen, und merken, wie sehr wir ihn immer als
j�ngeren gesehen haben, sehen wollten; nun hat man uns gesagt, er sei tot, und
unsere K�pfe haben es begriffen, allerdings nur die Abteilung Vernunft, aber in
der Abteilung Gem�t und Erinnerung, die gleich daneben liegt, bloss durch eine d�nne Wand getrennt, da tanzt und singt
und trommelt und gestikuliert er, der Narr, der Faun, der Schalk, und ist so
offensichtlich am Leben, dass wir uns nicht wundern w�rden, wenn er irgendwo
seinen Kopf hinter einer S�ule hervorstrecken w�rde, weil er noch einen
Limerick vortragen m�chte, vielleicht:
Da gab�s einen Herrn im Grossm�nster
den d�nkte das alles zu finster
und wir w�ren gespannt, was f�r einen Reim darauf er in der letzten Zeile
finden w�rde.
Sein Lebenswerk war eben das eines lebendigen, eines quicklebendigen Menschen,
und so hat er uns alle erwischt. Sein Tod kam f�r den gr�ssten
Teil seines Publikums �berraschend, denn wer C�sar Keiser bei einer seiner, letzten
B�hnenlesungen mit Margrit L�ubIl
erlebte, h�tte nicht vermutet, dass er einen Menschen vor sich hatte, der mit
den verschiedensten Krankheiten und Altersgebresten
k�mpfte. Zwar betrat er die B�hne nicht ohne Schwierigkeiten, aber kaum stand
er hinter seinem Pult, war da der instinktsichere Magier, der in seine Texte
schl�pfte wie in ein altbekanntes Kost�m und der genau wusste, wie er sich
darin zu bewegen hatte. Er kannte den Wirkungsgrad einer Pointe, wusste auch
�ber deren Alchemie Bescheid, die Mixtur von Tempo, Pause und Betonung, die
jeden Abend den jeweiligen Bedingungen angepasst werden muss.
Denn C�sar Keiser war nicht nur ein
Textautor und Wortakrobat, sondern auch ein brillanter Vortragsk�nstler, der
seine Texte auf eine Weise inszenierte, dass sie immer auch zum optischen,
choreographischen oder musikalischen Genuss wurden. Er war Schauspieler,
S�nger, T�nzer, Pantomime, der in seinen genau einstudierten Programmen einen
geradezu schweizerischen Pr�zisionsanspruch an sich selbst hatte.
Er war ein Komiker, der so lange auf den Unzul�nglichkeiten des Alltags
beharren konnte, bis man das Gef�hl bekam, unser Normalbetrieb sei ein
Irrenhaus.
Seine Menschen waren h�ufig Verirrte im Dickicht des Vertrauten, er zeigte uns
einen Grotesktanz von lauter Scheiternden, die vergeblich versuchen, des Lebens
habhaft zu werden. Sie wollen Zeit gewinnen und verlieren sie, sie wollen nur
schnell eine Frage mit dem Telefonamt kl�ren und verlaufen sich im Labyrinth
eines Systems, das sie nicht begreifen, oder wenn sie etwas davon begreifen,
dann das, dass sie auf jeden Fall die schw�cheren sind, sie wollen ihrem Sohn
etwas Selbstverst�ndliches erkl�ren und st�rzen schon in der Vorbereitung ins
Bodenlose. Wenn es die Kunstgattung ad
absurdum g�be, C�sar Keiser w�re unter ihren Meistern.
Und w�re das Absurde nicht die R�ckseite der Wahrheit, w�rde es uns nicht
interessieren. Etwa wie die Werbung funktioniert: eine landesweite Kampagne f�r
ein Mittel wird lanciert, nach dessen Einnahme man keinen Handstand mehr machen
kann. �VERITASOL – gegen den Handstand!� heisst der Slogan, und zwar bis zum Auftauchen eines
Querulanten mit seinen zwei Tanten, die das Gegenteil demonstrieren:
Mit Wonne trank er
10 KurNaschen leer
und die Tanten zu zweit
eine Magnumfiasche bis zum Flaschenpfandband –
Und im Verband
standen sie dreifachen Handstand!
Worauf die Werbung nicht etwa zur�ckgezogen, sondern unverz�glich mit dem
Zusatz versehen wird: �VERITASOL
Jetzt neuerdings auch f�r
den Handstand!�
Eine Nummer aus dem Jahr 1963. Seine Diagnosen des damaligen Zustands der Welt
lesen sich aus heutiger Sicht oft wie Prognosen.
Er parodierte die Konsumgesellschaft
mit Gabel, Messer und Tranchierbesteck als Panier bevor auch nur ein einziges
Einkaufszentrum stand.
Er parodierte den Boom und den Wohlstand: �berall w�chst das Wachstum.
Unvergessen nat�rlich seine Limericks, in denen Damen aus Grenchen
mit alten Helvetern und mit Jungtern
aus Arth durcheinander gewirbelt werden, knapp am
Abgrund des Sinns. Sein Maurer aus Flims geh�rt f�r
mich zu den Perlen der schweizerischen Lyrik des 20. Jahrhunderts, jedem
Jandl-Gedicht ebenb�rtig.
Da gab�s einen Maurer aus Flims
Dem fiel ein St�ck steinerner Sims
Eines Hauses in Flums
Auf den Kopf. er sprach: Bumms �
Gottseidank ist der Sims nur aus Bims.
Das war der Humorist und Sprachclown, der diese Verse auf kleinen Papierchen
aus seinen Taschen hervorzauberte. Aber von Anfang an gab es in seinen Texten
auch h�rtere T�ne zu h�ren:
Um es in d�rre
Worte zu raffen:
es wurde beschlossen
den Menschen abzuschaffen.
Das war der Satiriker, der den Menschen das �ble zeigt, weil er das Gute will.
Und wenn man glaubt, ihn geortet zu haben, tritt auf einmal der Poet auf und
�berrascht mit Liebesliedern an sein Fingerh�etli, Bl�etest�ubli, Lindebl�etli, Espel�ubli, mit Wiegen- und andern Liedern f�r seine Kinder
und Enkel, voll Hoffnung auf Hoffnung.
In einem Lied �ber alles, was sein Sohn wissen will, ist seine Antwort:
Ich weiss
es nicht – doch h�r du nie
auf, danach zu fragen.
Das alles war C�sar Keiser, Moralist und Eulenspiegel
– ein Gesamtkunstwerk.
Aber er war nicht allein.
In der T�nzerin und Schauspielerin Margrit L�ubli
hatte er eine Partnerin, die ein wesentlicher Teil dieses Kunstwerks war und
die ihn im beruflichen und im
privaten Leben in einer Art begleitete, unterst�tzte und erg�nzte, welche das
Paar immer unzertrennlicher erscheinen liess.
Mit seinem Sohn Mathis zusammen ist er mehrmals aufgetreten, etwa im makabren
Theaterst�ck �Wer zuletzt stirbt�, und gemeinsam mit seinem Sohn Lorenz, der ja
ebenfalls hauptberuflicher Kabarettist geworden ist, ist C�s
in den Fernsehsatiren ��brigens..� Anfang der 90er Jahre nochmals zu einer
Glanzform politisch-satirischer Frechheit aufgelaufen.
C�sar Keiser hat die Kabarettszene der letzten 50 Jahre gepr�gt, und wer immer
sich dort tummelte, kam nicht an ihm vorbei. Schon zu meiner Schulzeit war er
f�r mich einer der K�nner auf dem Gebiet, dessen ganz pers�nliche Handschrift
ich bewunderte, und als ich 1965 mit meinem ersten B�hnenprogramm im Keller der
Uni Z�rich auftrat, lud ich ihn mit klopfendem Herzen ein, und siehe da, er
kam, zusammen mit Margrit L�ubli, und er gab mir ein
sehr gutes Echo und war immer f�r einen Ratschlag ansprechbar. Und so blieb er
f�r mich ein Leben lang, ein freundlicher Mensch und ein menschlicher Freund.
Als Kabarettist wurde man immer auch an ihm gemessen, ob man wollte oder nicht.
Als ich 1973 meine Ballade vom �Weltuntergang� machte, mit einer rhythmischen
Klopfbegleitung, sagte mir Ruedi Sauser, der damalige Leiter des
Hechtplatz-Theaters: �Pass auf, dass es
nicht wird wie eine Nummer von Cs Keiser.� Und tats�chlich war f�r diesen Text,
einen Rap avant la lettre, den ich heute noch
vortrage, im Hintergrund Cs mit seinen raffinierten Sprechges�ngen Pate
gestanden.
Im �brigen geh�rten Cs und L�ubli f�r mich zu den
ersten lebenden K�nstlern, die ich n�her kennen lernte, und sie korrigierten
mein Bild von kettenrauchenden Bohmiens,
die sich um die Bourgeoisie foutieren und erst gegen
Mittag aus dem Bett winden, denn ich sah hier zwei Menschen an der Arbeit, die
es so gut wie m�glich machen wollten, und zwar sowohl auf der B�hne als auch im
Familienleben. Ihr Versuch, trotz ihrer allabendlichen Beanspruchung auch noch
ein ganz normales Elternpaar f�r ihre Kinder darzustellen, hat mich ger�hrt,
und als mich Cs einmal bat, an seiner Stelle eine Sch�lerauff�hrung der Klasse
zu besuchen, in der Mathis mitsang, habe ich gemerkt, wie gern er ein Vater wie
alle gewesen w�re.
Ja, die Abteilung Gem�t und Erinnerung unserer K�pfe, und eigentlich auch die
Abteilung Verstand, hat es schwer, zu akzeptieren, dass er nicht mehr da ist,
der K�nstler, der Komiker, der Freund, der Ehemann, der Vater, der Grossvater.
Seine Enkelin Giulietta schrieb am Abend nach seinem Tod:
�Um
Telefon, mein Grossvater konnte dem Todesschleier
nicht entgehen. Er musste, wie alle, jetzt zu den Engeln in dem klaren
Nachthimmel funkeln gehen.�
Lieber C�s, es ist sch�n, wenn du dort oben funkelst,
aber hier unten fehlst du uns.
Franz Hohler